Der Mensch wird am Glauben des anderen

Ich glaube, das Erfüllendste im Leben ist, füreinander da zu sein. Nicht ständig nur um sich selbst zu kreisen, sondern auch mal für jemanden da zu sein, ohne dafür etwas zu erwarten.

Glaube ist für mich etwas Kostbares. Gerade deshalb wundert es mich, wie viel davon wir an einen Mann im Himmel verschenken, von dem wir nicht einmal sicher wissen, ob es ihn gibt. Warum glauben wir nicht ein bisschen mehr aneinander? Daran, dass in jedem etwas Gutes steckt. Dass Menschen sich verändern können, Fehler machen dürfen und trotzdem liebenswert bleiben.

Denn es macht viel aus, wenn jemand an einen glaubt. Oft braucht man gar keine großen Ratschläge oder klugen Worte, und schon gar niemanden, der einem erklärt, wie man sein Leben zu führen hat. Manchmal reicht ein Satz: „Ich glaube an dich.” Wenn er ernst gemeint ist. Wer an uns glaubt, gerade wenn wir selbst zweifeln, kann etwas in uns verschieben. Plötzlich wagen wir einen Schritt, vor dem wir vorher Angst hatten. Wir sehen Möglichkeiten, wo vorher nur Zweifel waren. Die Probleme sind damit nicht weg, aber wir stehen nicht mehr ganz allein damit da. Vielleicht ist der Glaube eines anderen sogar der Anfang davon, dass wir wieder an uns selbst glauben.

Ich finde das schön: jemandem das Gefühl zu geben, dass er etwas wert ist. Dass man ihn sieht und ihm etwas zutraut, auch wenn er selbst es gerade nicht kann. Man kann niemandem die Ängste, Probleme oder Entscheidungen abnehmen, jeder muss seinen Weg selbst gehen. Aber man kann ein Stück mitgehen, und das macht manchmal den Unterschied.

Ich weiß auch, dass Menschen enttäuschen. Vertrauen wird verletzt, und nicht jeder erfüllt, was wir uns von ihm erhoffen. Das habe ich selbst erlebt, und es war nicht leicht. Trotzdem will ich nicht aufhören, an das Gute im Menschen zu glauben.

Und dann ist da noch jemand, a  den zu glauben mir lange besonders schwergefallen ist: ich selbst. Es gab eine Zeit, in der ich diesen Glauben fast komplett verloren hatte. Ihn zurückzufinden war alles andere als einfach, und es ging nicht von heute auf morgen. Es war und ist ein langer Prozess, mit vielen Zweifeln, kleinen Schritten und auch Rückschritten. Ich musste erst wieder lernen, mir etwas zuzutrauen und Dinge zu tun, obwohl ich Angst hatte. Mich nicht ständig an dem zu messen, was ich nicht kann, sondern auch zu sehen, was ich trotz aller Zweifel schon geschafft habe. Vielleicht verstehe ich gerade deshalb, wie viel es bedeutet, wenn jemand an einen glaubt. Ich weiß, wie schwer es ist, diesen Glauben in sich selbst zu finden.

Heute kann ich ein bisschen über mich lachen, wenn ich sage: Ich glaube inzwischen so fest an mich, dass ich langsam selbst anfange, es zu glauben. Klingt verrückt, oder? Für mich steckt aber einiges dahinter. Vielleicht ist genau das mein Glaube: nicht darauf zu warten, dass irgendjemand von oben mein Leben in die Hand nimmt, sondern selbst Verantwortung zu übernehmen. Für mein Leben, für mein Handeln und dafür, wie ich anderen begegne.

Ich möchte für Menschen da sein. Ihnen Mut machen, wenn sie zweifeln, und an sie glauben, wenn sie selbst gerade keine Kraft dafür haben. Nicht, weil ich sie retten oder verändern will, und auch nicht, um dafür geliebt zu werden. Sondern weil wir einander so viel geben können. Dabei will ich mich selbst nicht mehr vergessen. Auch ich verdiene Verständnis, Vertrauen und Liebe, und zwar nicht erst, wenn ich etwas geleistet habe.

Vielleicht gibt es Gott, vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht. Aber die Menschen, denen ich begegne, die gibt es, mit ihren Sorgen, Hoffnungen, Fehlern und Geschichten. Und ich bin auch noch da. Vielleicht ist das eines der schönsten Geschenke, die wir einem Menschen machen können: an ihn zu glauben, bis er wieder selbst an sich glaubt. Für mich ist das der eigentliche Sinn von Glauben. Nicht nur nach oben zu schauen und auf Wunder zu hoffen, sondern einander anzusehen und zu merken, wie viel wir füreinander tun können. Denn manchmal ist das größte Wunder nicht, dass jemand an Gott glaubt, sondern dass ein Mensch durch den Glauben eines anderen wieder zu sich findet.